Bis zur letzten Sekunde wurde gepackt. 4,5 Stunden Schlaf. Müde. Irgendwie realisiere ich nicht, dass ich meiner Heimat jetzt für mindestens 6 Monate den Rücken kehre. 6 Uhr: Wir fahren nach München. Ein wenig Schlaf während der Fahrt. Im Halbschlaf verabschiede ich mich von meinen Eltern. Ich warte am Gate. Es gibt kostenlosen Früchtetee. Wir starten bei wolkenfreiem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Über dem Englischen Festland begrüßen uns schon Wolken und Wind. Kein Anzeichen von Aufregung.
Heathrow ist groß. Wie die Kühe zur Schlachtung werden die Passagiere durch endlose Gänge und Absperrungen getrieben. Dann zwei Stunden warten auf den Coach-Bus in der Central Bus Station. Überall sitzen Reisende aus aller Welt. Essen Sandwichs. Starren in die Luft. Es sind ca. 3°C und es weht ein starker Wind, was einige Briten nicht abhält in T-Shirt und kurzen Hosen herumzulaufen. Ich friere. Die Busfahrt nach Winchester dauert 1,5 Stunden. Wer einmal den Zustand englischer Autobahnen gesehen hat, versteht das Tempolimit von 112 km/h. Leitplanken, die durch Unfälle zerstört wurden, werden durch rote Hütchen ersetzt. Das rote Hütchen scheint Universalwerkzeug der britischen Autobahnmeistereizu sein. Fehlen Leitplanken: rote Hütchen. Ist der Asphalt schlecht: rote Hütchen. Manchmal stehen sie auch aus scheinbar rein dekorativen Zwecken an den Seitenstreifen. Metallgestelle, die mit Sandsäcken beschwert sind stehen ebenfalls. Ab und zu sind Verkehrsschilder an ihnen befestigt.
Winchester. Erster Eindruck: ein nettes 40.000 Einwohner-Dorf. Fast ausschließlich kleine, rote Backsteinhäuser. Mein host father David holt mich in seinem Volvo S60 ab. Er ist Financial Director. Smalltalk während der Fahrt. Wir fahren zu einem putzigen Backsteinhäuschen in einer besseren Wohngegend. Ich treffe seine Frau Pat und Beatrice, aus Spanien. Sie kochen bereits das Mittagessen und betonen, wie gut sich die englische Küche in den letzten Jahren gemacht hat. Es gab gedünstete Karotten, Bohnen und Brokkoli, dazu „Kartoffelbrei“- ausschließlich aus zermatschten Kartoffeln. Fleisch, zäh wie Schuhsohle und Pudding, eine Art Muffin aus Semmelteig runden das Menü ab. Unvoreingenommen esse ich. Geschmack scheint nur in homöopathischen Dosen vorhanden zu sein. Ich verteile eine riesige Portion Salz und Pfeffer über dem gesamten Teller. Als Nachspeise gibt es Dosenfrüchte im Tortenguss mit Vanillepudding überschichtet. Abends gibt es noch Tee mit hot cross buns – einer Art süßen Semmel, die mit Butter und „Marmelade“ bestrichen wird. Schmeckt irgendwie salzig. Die Gerüchte sind wahr.
Montag, 05.02.: English breakfast: Toast mit Butter und Ingwermarmelade. Salzig und gewöhnungsbedürftig, aber genießbar. Danach geht es mit Beatrice zur Sprachschule. Auch hier bin ich wieder überrascht: die Schule ist klein und hübsch und die Lehrer sind freundlich und höchst motiviert. Nach der Einführung gab es Lunch: Ich kaufe mir ein Sandwich mit Mais, Thunfisch und Mayonnaise. An was mag es liegen, dass im Englischen Essen nur noch ein Bruchteil der Geschmacksstoffe vorhanden sind? Fehlt etwa das gute alte Mononatriumglutamat? Dann einen kleiner Stadtrundgang mit den anderen sechs Neulingen. Winchester gefällt mir.
Zum Abendessen gibt es Nudeln mit Gemüße und einem englischen (=geschmacksverminderten) Parmesanverschnitt. Ganz okay. Dazu Salat mit einem wirklich leckerem Balsamicodressing. Nachspeise: eine Kuchen aus Italien (panatoni), der dem deutschen Hefezopf entspricht und auch so schmeckt. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass der Butter sehr stark gesalzen ist. Mich wundert es also nicht mehr, warum mein Marmeladentoast oder andere süße Backwaren nicht richtig schmecken. Ob ich meiner Gastfamilie empfehlen soll, es mal mit ungesalzener Butter zu versuchen?